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  • Kommt die Musik in der Zukunft aus der Wolke? Teil 2

    Geschrieben am 3. Juni 2009 Peter 4 Kommentare

    Im ersten Teil dieses Artikels habe ich mich als CD kaufender Dinosaurier geoutet, der die Entwicklung der digitalen Verfügbarkeit von Musik beobachtet. Eine Entwicklung, die sich – glaubt man gewöhnlich gut informierten Blogger-Kreisen – vom Besitzen von Musikprodukten über Mieten von Musikdateien hin zur Nutzung von personalisierten Streaming-Angeboten vollzieht.

    Was mich als lautstarken Musik-PRler dabei umtreibt: Passiert hier ein Paradigmenwechsel im Umgang mit Musik? Während langsam aber sicher alle jemals veröffentlichte Musik immer und überall verfügbar wird, verschwindet das haptische Musikprodukt „Album“ zunehmend. Zum Teil liegt die Musik noch nicht einmal mehr als Datei in einem uns gehörenden Speichermedium. Verändert das Wahrnehmung von und Umgang mit Musik und wenn ja wie? Ich weiss es nicht und möchte hier zur Diskussion einladen.

    Kurzer Blick zurück: In den 80iger Jahren ist die Welt der Musikindustrie in Ordnung: Mit der Umstellung auf die CD sehen sich viele Musiknutzer gezwungen, ihre Musikbibliothek im neuen Format erneut anzuschaffen. Die Stimmung ist golden, denn auch die Umstellung auf das Format CD hat eines nicht verändert: Wer aktiv Musik hören und sich nicht dem Diktat des Hörfunks unterwerfen will, kauft aus seinem begrenzten Budget ein Produkt. Dieses beinhaltet den Tonträger und ein mehr oder weniger gestaltetes Cover. Bei einer CD kommt ein Booklet hinzu, in dem geblättert werden kann. In jedem Fall steht im Regal ein Objekt, dass außerdem den Wohnraum mitgestaltet und Besuchern gegenüber als Inszenierungsmittel dient: Das Musikalbum als Ausdruck individuellen Geschmacks, der eigenen Persönlichkeit, Träger von Erinnerungen. Umgekehrt genügt mitunter der Blick ins Plattenregal, um festzustellen, ob es sich bei der neuen Bekanntschaft um einen One Night Stand oder eine potenzielle Beziehung handelt. Neben dem pekuniären hat das physische Album also auch einen ideellen Wert.

    Und dann passiert das unvermeidliche: Datenkomprimierung und Internet stürzen die Musikindustrie in ihre größte Krise. Dass die zuvor so Profitträchtige Umwandlung von Musik in digitale Dateien die Grundlage dafür ist, ist nebenbei bemerkt eine prima Ironie der Geschichte. Denn nun ist die goldene Stimmung auf Seiten der aktive Musikhörer: Musik wird plötzlich versend- und digital verfügbar, unabhängig vom individuell begrenzten Budget. Der Rest ist Geschichte. Die technischen Möglichkeiten werden ausgenutzt, Musik ist heute legal wie illegal überall verfügbar, wo es einen Zugang zum Internet oder zum Netz eines Mobilfunk-Providers gibt. Angebote wie Mobile-Music-Flatrates von Vodafone und Nokia sind dabei nur logische Schritte einer Entwicklung, die möglicherweise in Angeboten wie spotify.com mündet, bei der die Musik noch nicht einmal mehr gespeichert wird.

    Auf der Strecke geblieben ist das physische Album als Mittel des Selbstausdrucks. Wenn die von vielen prognostizierte Entwicklung in Richtung Flatrates und Streaming-Angeboten weitergeht, wird der aktive Musikhörer in Zukunft noch nicht einmal mehr die Musik besitzen, die er hört. Was ich spannend finde und wozu ich mehr Fragen als Antworten habe ist, ob sich dabei im Verhältnis Hörer / Musik etwas verändert.

    Die einfache Antwort ist: Nichts. Man kann, wie z.B. Johnny Haeusler mit guten Gründen sagen, dass wir immer nur für den Zugang zu Musik bezahlt haben und nicht für die Musik selbst. Dann hätte sich nur das Medium verändert. Aber ist das wirklich alles?

    Geht man z.B. davon aus, dass das Kaufen ein Akt des Aneignens ist, ist es nicht ein Unterschied, ob ich für ein Album Geld ausgebe, oder für die ganze Welt der Musik? Verändert sich damit die Einstellung, die Beziehung zum einzelnen Stück, zum Werk, zum Künstler? Natürlich eigne ich mir auch im bewussten Herunterladen von Musik ein Stück an. Ändert sich etwas, wenn ich als Nutzer von spotify.com die Musik noch nicht einmal mehr als Elektronenhaufen auf meinem Rechner habe? Oder liegt in einer Kultur der Musik-Mietmodelle gar das Heil des Kulturbetriebes, macht es doch dem Nutzer unmissverständlich klar, dass er nicht das Musikstück, sondern nur das Recht zum Abspielen erwirbt? Stellt sich vor diesem Hintergrund der Verkauf von kopierbaren Tonträgern etwa als historischer Irrtum heraus? Aber ist es wirklich gut für die Hörer-Künstler Bindung, wenn ich buchstäblich nichts mehr „in der Hand“ habe?

    Berthold Selinger sprach in einem Spex Interview in Bezug auf steigende Konzertumsätze von einem steigenden Bedürfnis nach „Echtheitserlebnissen“. Kann man eventuell sagen, dass die Digitalisierung des Musikzugangs dazu führt, dass der nur noch als Bits und Bytes verfügbaren Musik erst im Live-Erlebnis das notwendige Leben eingehaucht wird?

    Und: Was wird eigentlich aus DEM männlichen Liebesbeweis „ich nehm dir mal `ne Kassette auf / brenn dir mal `ne CD“ … „ich schick dir mal ne Playlist, Liebes“ – oh, ja, hm… sweet …!? … bin ich da jetzt zu konservativ? Das ist doch nicht das gleiche, oder?

    Vielleicht wird einfach nur stärker erkennbar, für wen Musik tatsächlich Identitätsstiftendes Element ist (haben wollen) oder nur Hintergrundbeschallung der eigenen Selbstinszenierung (mieten / streamen). Vielleicht sehen wir nur noch stärker die Ausbildung von verschiedenen Nutzer-Typen, von den Vinyl Liebhabern bis hin zum Chartgetriebenen Jungmann, der einfach immer nur den neuesten Scheiß auf seinem Plärr-Handy haben will um damit sein durch-die-Stadt-Cruisen zu untermalen. Vielleicht wird der Wegfall des haptisch erfahrbaren Albums schon längst durch andere Mittel ersetzt, z.B. Merchandising, mit dem sich Fans als solche bekennen, vielleicht verlagert sich die ideelle und sich selbst ausdrückende Bedeutung des Musikregales einfach per Band-T-Shirt in den Kleiderschrank. Auch der liebende Mann wird sicher in Zukunft Mittel und Wege finden seine Liebe (und seinen per se überlegenen Musikgeschmack…) der Geliebten gegenüber angemessen auszudrücken. Liegt in der Leerstelle, die die liebevoll gestaltete CD-Hülle im Falle der zu übermittelnden Playlist hinterlässt nicht gar eine neue Produktidee versteckt? Bloß der Blick ins Musikregal der neuen Bekanntschaft war um Längen unauffälliger realisierbar als die Inspektion ihrer i-tunes Bibliothek…

    Ich kann mir nicht helfen, ich werde den Eindruck nicht los, dass mit dem Wegfall des haptischen Elementes die Bindung Hörer / Künstler sich verringert. Vielleicht muss man von hier aus denken, wenn man die Krise dauerhaft lösen will. Die „Ultra Limited Edition“ des letzten Nine Inch Nails Albums für schlappe 300 Dollar war übrigens als erstes ausverkauft…

    Ich freue mich auf Feedback, wir werden das Thema weiter begleiten und Kommentieren. Ich hör jetzt jedenfalls noch ein bischen Tony Levin und freue mich, im Booklet lesen zu können, wer bei welchem Track mitspielt. Aber ich bin ja auch 80ziger…

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    4 Antworten zu “Kommt die Musik in der Zukunft aus der Wolke? Teil 2”

    1. Wir reden hier ja nicht über ein Medium ansich sondern über ein Konsumverhalten. Es ist ja nicht so als würde weniger Musik gehört werden…Das Informationen die früher physisch verfügbar waren heutzutage digital, online, mobile verfügbar sind ist ja auch nichts verwunderliches…Fakt ist das Merchandising-Geschäft und das Live-Geschäft boomen und das Angebot an digitaler Musik ist unfassbar gross und vielfältiger als es zu Zeiten der CD oder Vinyl jemals war.
      Nein ich glaube nicht, dass die Bindung zwischen Künstler und Konsument weniger wird: Ich kann heute dem Idol Mike Skinner auf Twitter folgen, mir das megapeinliche aber ultrapersönliche Video von Amy Winhouse auf YouTube reinziehen und wenn ich dann noch Lust auf die unveröffentlichte Musik des Hype-Acts Black Lipps habe surf ich kurz bei MySpace vorbei bevor ich bei Wikipedia den kompletten Lebenslauf deines Idols Tony Levin lesen kann.
      Die CD ist deswegen out, weil Sie eindimensional ist, digitale Musik und Musik im Netz sind deswegen In weil sie Interaktiv sind und keine Sackgasse bilden…Eines aber ist auffällig, in Zeiten in denen weniger Informationen abrufbar waren und wir mit den Kumpels vor unserem Kasettendeck saßen und Frank Laufenbergs Hitlisten mitgeschnitten haben, da wurde anders konsumiert, zugehört und diskutiert…Ja ich bin auch 80er und vermisse bei den Jungs und Mädels heute das Verständnis zur Musik ansich, also dem künstlerischen und emotionalen Moment der Musik, aber das ist auch Teil des Informationszeitalters, das sich weniger auf das wesentliche konzentriert wird, denn mehr auf das drumherum, Bling Bling statt Gitarrensoli!

    2. Interessanter Gedanke, Fabian. Das würde bedeuten, dass die Bindung wenn eher an den Künstler geschieht, worauf die enorme Wichtigkeit von Blogs, Twitter, Newslettern etc. ja auch hinweist. Das kann man aber auch anders interpretieren: Ich muss als Künstler heute so viel wie möglich Entertainment um mein eigentliches Produkt herum bieten, um die Fans bei der Stange zu halten, da die Ablenkung größer ist. Ich denke schon, dass der Aufwand, den der Künstler heute betreiben muss, größer ist. Wahrscheinlich muss man das mit Studien zum Mediennutzungsverhalten verlinken, diejenigen, die mit dem Internet aufwachsen nehmen Informationen anders auf. Das interessante ist ja, dass Musikerlebnisse ihre Kraft in keiner Weise verloren zu haben scheinen, obwohl, wie du ja selbst sagst, die Auseinandersetzungstiefe mit dem einzelnen Werk abgenommen zu haben scheint. Musik wirkt, aber sie wirkt anders, ist mein Eindruck.

    3. Wir müssen der Wahrheit ins Gesicht sehen: Wir sind alt. :)

      Meine Söhne konsumieren Musik völlig anders als wir es taten, das bedeutet jedoch nicht, dass sie sie nicht wertschätzen, ganz im Gegenteil.

      Wie romantisch könnte es z.B. sein, der Angebeteten einen Song (oder gar nur die wichtigen Zeilen eines Songs) als Sound-SMS direkt auf ihr Handy zu senden? Sehr, glaube ich. Die Wege und Mittel ändern sich, doch Emotionen in Sound bleiben, das ist doch die gute Nachricht. Und ich bezweifle sehr, dass irgendetwas in dieser Hinsicht früher besser war. Anders, ja, aber nicht zwingend besser.

      Von meinen Kumpels interessierten sich nur wenige so für Musik wie du oder auch ich. Es sind immer nur ein paar gewesen, die tiefer blicken wollten und das auch taten, und ich glaube, das werden mit dem digitalen Zeitalter eher mehr Leute werden, denn der Zugang zur Information ist leichter geworden. Mit anderen Worten: Ich bin da sehr optimistisch. ;)

    4. Musik ist nicht an die Medien gebunden über die man sie Konsumiert. Den „normalen“ Mainstream Konsumenten ist egal woher die Musik kommt, sie soll nur jederzeit verfügbar sein. Nerds und Musikliebhaber verbinden Medien mit Musik. Sie erleben und verbinden mit Musik aber auch etwas anderes als der normale Konsument. Für sie hat ein Plattencover einen Emotionalen Wert, vor allem auch weil es Informationen und hinweise auf andere Künstler gibt. Das ist heute aber unnötig. Das neue Cover ist Myspace oder Wikipedia, und deshalb braucht man keine Infos aus den Linernotes. Wobei ich bemerken möchte das die Absatzzahlen von Vinyl nach oben gehen seit 3 Jahren.

      Ich glaube, dass die Definition der Persönlichkeit heute nur schwer über die Musik festzusetzen ist. MP3, und die dauerhafte Verfügbarkeit von aller Musik, haben dazu geführt das die Menschen sich nicht mehr zwingend einem Genre zuordnen. In den 80s und den 90s gab es Rocker, Rapper, Metaler, Technos und Mainstream Fans aka Popper.

      Gefühlt nimmt die Anzahl der fest-Genre-definierten Fans ab. Während man früher nur EINE Musikrichtung bei Partys hörte, vielleicht zwei, kann heute alles krude gemischt sein. Die Grenzen der Genres verschwimmen.

      Wunderbar zu sehen auf aktuellen Electro Partys. Da treffen sich Indy Rocker, Rapper und Raver und feiern zusammen eine Party, ohne dass es komisch wirkt.

      Ich glaube, dass die Abgrenzung heute wesentlich stärker über Statussymbole, Kleidung, Bildung und Gesellschaftlicher Stand stattfindet als über Musik. Die Musik existiert, aber nicht mehr als Definition einer Haltung, sondern als Unterhaltung.

      Früher konnte man noch der Held sein, weil man diese „eine“ Platte schon Wochen vorher als Import besessen hatte, wie soll das heute gehen ???

      Und während Musik im Grunde an „Wert“ verloren hat, so ist der Bedarf und der Konsum so groß wie nie zuvor. Wie geht das zusammen ??

      Unser Verhältnis zur Musik verändert sich ganz offensichtlich durch die Menge des Angebots. Früher hielt eine gute Platte Monate, manchmal Jahre in der Nähe meines Players aus. Heute brauche ich spätestens nach 7 Tagen irgendwas Neues, weil die Musik zwar super ist, aber ich was neues hören muss, den das alte kenne ich schon.

      Es scheint so, als würde der Bedarf nach mehr und mehr Musik parallel mit dem steigenden Angebot wachsen. Erkennt man die Ähnlichkeiten mit einem anderen Menschlichen Verhalten ??

      Das sind Anzeichen einer Abhängigkeit, einer Sucht. Die Menschen sind Musik Junkies und werden es immer mehr. Während früher die Musik durch tausende Filter lief, von der Finanzierbarkeit einer vernünftigen Aufnahme Qualität, über den A&R des Labels, zu den Pressevertretern, zu Radio, TV und Musikvideo usw., stelle ich heute einfach meine 96 Khz/5000 Bit Aufnahme einfach ins Netz.

      Vielleicht noch ein Webcam Video dazu, und ein paar Myspace Bulletins und ich kann plötzlich Star werden. Aufgrund dieses Überangebots suchen Menschen nach Orientierung. Womit wir dann bei den Medien landen die ihre alte Filter Position inne halten. Alle anderen Filter sind weggefallen.

      Aber so wie sich der Mensch verändert hat, so hat sich auch die Technik verändert, und dem Bedürfnis des Menschen angepasst.

      Ob er etwas in der Hand hält in der Form einer CD, oder eines Vinyls ist dem heutigen User egal. Auch das Verhältnis zwischen Künstler und Fan hat darauf keinerlei Einfluss. Wenn dem so wäre, dann würde es keine Illegalen Downloads geben. Dabei bestiehlt man jedes mal eines seiner Idole, na und !!!! Es juckt keinen User.

      Besitz oder nicht Besitz, mieten, kaufen, klauen, alles egal. Das allentscheidende für den Menschen ist die Nutzbarkeit. Alles dreht sich um eine einfache Nutzung. Der Mensch ist immer da wo es keine Hürden gibt. Wenn er die Hürden nicht umgehen kann, dann ist er auch Bereit Einbußen hinzunehmen. Er bezahlt Eintritt für ein Konzert z.B. Aber wenn es nur ein Schlupfloch gibt, wird er es nutzen.

      Der einzige Grund warum es illegale Musik Downloads gibt, ist weil es so einfach möglich ist.

      Der Musikanbieter der die einfachste Nutzung anbietet, bei der es auch keine unangenehmen Bedingungen in der Zukunft zu befürchten gibt, wird sich immer durchsetzen.

      Dabei empfindet man das Mietmodel nicht deshalb als nervend weil einem die Dateien nicht gehören, sondern weil man die Dateien nicht mehr nutzen kann wenn man den Anbieter wechselt.

      Wenn man das mit Playlisten lösen würde, die man zum neuen Musik Mietanbieter mitnehmen kann, und dort über den identischen Katalog verfügen kann, wäre der Mehrwert für den Kunden nur über andere Zusatzeffekte erreichbar.

      Von „Echtheitserlebnissen“ als Flucht aus der Virtuellen Social-Community-Welt zu sprechen fällt mir schwer. Klingt super, aber ich denke es ist einfacher.

      Die Künstler haben wegbrechende Einnahmen. Der Versuch das zu kompensieren führt zum vermehrten Live und Tour Aufkommen. Und die Fans nutzen einfach das größere Aufkommen.

      Sonnst kam der Künstler alle 3 Jahre, jetzt ist er alle 12 Monate in der Stadt.

      Und der Männliche Liebesbeweis ist heute ein anderer. Das ist schon richtig, wobei Frauen auch für Rapidshare Links dankbar sein können. Das ist die neue E-Romantik.

      Ansonsten fällt es mir schwer von einer Krise der Musik zu sprächen. Ich hatte noch nie in meinem Leben zugriff auf so viel gute Musik wie jetzt. Die Tonträgerindustrie hat eine Krise, aber Musik war noch nie so Stark wie heute.

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